Selbstbewusstsein

Erlernte Hilflosigkeit

Wir fühlen uns nicht immer mutig. Nun ist es aber auch so, dass es Menschen gibt, die in bestimmten Situationen schlichtweg hilflos sind. Es mag uns seltsam erscheinen, doch gibt es Frauen und ebenso viele Männer, die für bestimmte Aktivitäten oder Vorgänge im Kopf keinen klar strukturierten Ablauf erzeugen können. Wir fragen uns, wie es dazu kommt. Vielleicht wundern wir uns

  • über Menschen, die nicht kochen können,
  • über Menschen ohne Kenntnisse die Wäsche zu waschen oder
  • über Menschen mit großer Angst vor unterschiedlichen Aktivitäten oder Hobbys.

Es erscheint uns, wie ein Lernvorgang, der niemals stattgefunden hat. Eigentlich stellen wir es uns nicht schwierig vor. Doch erleben viele Menschen Angstblockaden, weil sie ein Verhalten niemals lernen durften. So manche Mensch würde sagen, es fehle die Souveränität. Doch scheint es viel komplizierter zu sein.

Woher kommt „erlernte Hilflosigkeit“?

Dieser Begriff ist bereits seit vielen Jahrzehnten in der Psychologie bekannt. Geprägt wurde dieser von den Psychologen Martin E. P. Seligmanund Steven F. Maier. Diese beschäftigten sich um das Jahr 1967 herum in den USA mit dem Begriff und mit Beobachtungen zum Erleben und Verhalten von Menschen, die Hilflosigkeit scheinbar gelernt hatten. Man stellte Versuche zuerst mit Tieren an. Im folgenden Schritt wurde in Studien angenommen, dass gerade auch Depressive oder andere Menschen eine gewisse Hilflosigkeit im Verhalten übernommen haben könnten.

Wie lernen wir wichtige Dinge?

Als Kleinkinder, Kinder und Jugendliche lernen wir zahllose Verhaltensweise. Wir lernen alle kulturellen und sozialen Handlungen, die wichtig sind, damit wir uns in einer Gesellschaft oder in gewöhnlichen sozialen Umfeldern bewegen können. Es gibt viele Rollen, in die wir später schlüpfen, die wir in Verbindung mit einer Situation für richtig halten. Wir verhalten uns anders bei der Ehefrau und den Kindern, anders in der Arbeit und wir handeln anders, wenn wir mit unserem Freundes- und Bekanntenkreis zusammen sind. Manche Menschen haben jedoch viele Dinge nicht gelernt, weil sie viel zu isoliert aufgewachsen sind und ihnen viele Dinge nicht erklärt wurden.

Es muss nicht direkt das Kaspar-Hauser-Syndrom sein, an welches wir sofort denken. Allerdings mag es bestimmte Ähnlichkeiten geben. Es hat damit zu tun, dass Menschen zu intensiv alleine auf sich gestellt sind und ihnen die wichtigen Bezugspersonen in einer gewöhnlichen Funktion gefehlt haben. Nicht selten sind junge Menschen auf sich allein gestellt und können ein Verhalten nicht lernen. Das Lernen erfolgt in vielen Situationen durch Nachahmung. Ein junger Mensch lernt von der Bezugsperson, wie beispielsweise eine Situation gut bewältigt wird. Darüber hinaus gibt es Anleitungen für unterschiedliche Vorgänge. Wir lernen zum Beispiel, wie man Gemüse schneidet, wie ein Brief geschrieben wird oder wie wir eine Maschine bedienen.

Woher kommt Hilflosigkeit?

Fehlen uns aber viele Informationen dazu, wie Abläufe vor sich gehen, dann entwickeln wir nach und nach eine intensive Schüchternheit oder Scheu. Dies bedeutet wiederum, dass die Situation oft überhaupt nicht probiert wird oder eine Folge von Verhaltensweisen läuft mit vielen Fehlern ab. Es geht uns jedoch in vielen Situationen so. Auch bei gesunden Menschen. Denn wir wissen vielleicht nicht, wie wir in einem Waschcenter waschen müssen oder wir rätseln über die Funktionsweise eines Gerätes, welches wir noch nie im Leben bedient haben.

Zum Beispiel geht es älteren Menschen so, dass sie mit einer schnell veränderlichen Technik auch nicht mehr sofort umgehen können. Es ist also keine Krankheit hilflos zu sein. Uns fehlt lediglich eine Anleitung, wie wir uns verhalten müssen, um mit modernster Technik oder mit Situationen umzugehen. Hilflosigkeit zeigt sich anhand von einer Angst eine Situation zu bewältigen. Wir fangen nicht an, wir stellen viele Fragen trotz vorhandenen Anleitungen oder wir benötigen viele Anläufe, um eine Situation bewältigen zu können.

Was tun diese Menschen dann in Angstsituationen?

In extremen Fällen wird eine große Angst vor neuen Situationen gefühlt. Es prasseln zu viele Informationen auf uns ein und wir fühlen uns der Lage nicht gewachsen. Üblicherweise wird im Kopf ein Programm für einen Vorgang X aufgerufen und ein Verhalten gewählt, das wir schon kennen. Wir verhalten uns also so, wie wir bereits ein Verhalten gelernt haben. Gerade für junge Menschen gilt dann, dass noch nicht gelernt wurde, wie ein Verhalten korrekt ablaufen kann.

Nicht wenigen Frauen und Männern geht es dann so, dass sie kalte Schweißausbrüche erleben und enorme Angst leben. In solchen Situationen wünschen wir uns eine Anleitung oder eine Hilfestellung. Eine beliebte Reaktion ist es daher sicherlich eine eigene Vorgehensweise zu erstellen. So mancher Mensch mit großer Angst plant solch einen Vorgang im Detail. Wenn wir uns sicherer fühlen, planen wir mit weniger vielen Details oder gehen schlichtweg in eine Situation hinein.

Was haben wir nicht gelernt?

Vernachlässigte Menschen haben vielleicht ein sehr großes Defizit. Eltern sind nicht selten mit der Erziehung von Kindern überfordert und sind nicht gut in der Lage, den Nachwuchs Dinge zu erklären. Oft wird ein Kind ignoriert oder die Eltern erklären nicht gern. Es gab also möglicherweise keine Chance eine Nachahmung für eine Situation zu lernen oder eine Erklärung zu erhalten. Folglich entwickeln solche Menschen eine Angst vor Situationen. Das traurige ist, dass solch ein Mensch sogar hochbegabt sein könnte, jedoch durch seine Ängste blockiert ist und sich keiner Herausforderung stellt. Es wurde also nicht gelernt eine Hürde zu nehmen oder sich einer Art von Wettbewerb zu stellen. Wenn kein Programm gelernt wurde, bedeutet dies allerdings nicht, dass es nicht mehr gelernt werden kann.

Lernen neuer Modelle und Motive ist auch später noch möglich. Natürlich könnte es länger dauern und es ist vielleicht viel Mut gefragt. Nicht wenige Menschen scheitern an der berühmten Programmierung des DVD-Recorders. Nicht jedem Menschen glückt es mit bestimmten Situationen fertig zu werden, während andere einen Vorgang verstehen. Oft liegt es auch an Schemata. Moderne Geräte funktionieren beispielsweise nach einem Prinzip, welches erst einmal verstanden werden müsste. Manche hilflose Situationen entstammen schlicht und einfach psychischen Misshandlungen des eigenen sozialen Umfeldes, das uns nie etwas gelehrt hat. Andere Situationen entstehen, weil wir den Anschluss an zu schnelle Entwicklungen verlieren.

Mehr Motivation, um sich weiterzuentwickeln

Motivation mag daher mitunter sehr wichtig sein, damit wir etwas gegen solche eine Situation unternehmen. Vielleicht möchten wir gern neue Technik kennenlernen oder wir möchten den Mut haben in ein Waschcenter zu gehen und Technik zu bedienen, ohne dass wir uns blamieren. Viele Menschen suchen die Motivation neue Situationen zu meistern, ohne dass Angst ein Begleiter ist.

Unsere Persönlichkeit benötigt einen schrittweisen Aufbau, damit Zuversicht kommt. Motivation kann uns helfen erste Probleme anzugehen. Es wäre nicht richtig sofort den Himalaya zu besteigen. Vielmehr wäre es wichtig mit der richtigen Motivation an bestimmte Hürden heranzugehen. Diese Hürden helfen uns dann weiter und führen uns zu neuen Aufgaben.

 

Quelle: Richard J. Gerrig, Philip G. Zimbardo: Psychologie. 18. Auflage. Pearson Studium, München 2008, S. 568 ff..